Ratgeber

Altersbedingte Schwerhörigkeit (Presbyakusis): Was ist normal, und was nicht?

Ab wann ist Schwerhörigkeit im Alter normal? Was sind die Ursachen von Presbyakusis, wie verläuft sie und was können Betroffene und Angehörige in der Schweiz tun?

Rund ein Fünftel der 65- bis 74-Jährigen hat eine messbare Schwerhörigkeit, die meisten wissen es nicht. Ab dem 75. Lebensjahr steigt dieser Anteil auf über 35 Prozent. Die altersbedingte Schwerhörigkeit, medizinisch Presbyakusis genannt, ist die häufigste Hörminderung beim Menschen. Und trotzdem wird sie oft jahrelang ignoriert oder als “unvermeidliche Alterserscheinung” abgetan. Das ist ein Fehler, denn unbehandelt hat Schwerhörigkeit im Alter weitreichende Folgen.

Was ist Presbyakusis?

Presbyakusis (von griechisch: presbus = alt, akousis = Hören) bezeichnet den natürlichen Abbau des Gehörs im Laufe des Lebens. Er betrifft in der Regel beide Ohren gleichermässig und schreitet langsam voran.

Der Prozess beginnt meist ab dem 50. Lebensjahr, in manchen Fällen bereits früher, allerdings so schleichend, dass er erst Jahre oder Jahrzehnte später wirklich auffällt. Die ersten Anzeichen zeigen sich typischerweise im Hochtonbereich: Vogelgesang, Türklingeln oder hohe Stimmen werden leiser wahrgenommen.

Was passiert im Ohr?

Die Presbyakusis ist ein multifaktorieller Prozess. Im Kern sterben im Laufe des Lebens Haarzellen im Innenohr ab, und anders als andere Körperzellen können sie sich nicht regenerieren. Daneben werden auch der Hörnerv und das zentrale Hörzentrum durch den Alterungsprozess beeinträchtigt. Dieser Abbau wird durch verschiedene Faktoren beschleunigt:

  • Kumulativer Lärm: Ein Leben lang Lärmexposition, Berufs- und Freizeitlärm, hinterlässt dauerhafte Spuren
  • Durchblutung: Mit dem Alter nimmt die Durchblutung des Innenohrs ab
  • Oxidativer Stress: Freie Radikale schädigen die empfindlichen Strukturen des Innenohrs
  • Genetische Faktoren: Wer Eltern mit früher Schwerhörigkeit hat, ist häufiger betroffen
  • Allgemeinerkrankungen: Diabetes, Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beschleunigen den Verlust
  • Ototoxische Medikamente: Bestimmte Medikamente können das Innenohr zusätzlich schädigen

Typische Verläufe

Presbyakusis verläuft individuell unterschiedlich. Die häufigste Form ist der sensorische Typ: Die Haarzellen im Hochtonbereich sterben zuerst ab, sodass hohe Frequenzen schlechter gehört werden.

Ein typisches Bild: Ein 70-jähriger Mann hört bei normaler Gesprächslautstärke noch recht gut. Aber sobald mehrere Personen gleichzeitig sprechen oder Hintergrundlärm vorhanden ist, versteht er kaum noch etwas. Das liegt daran, dass gerade die Frequenzen der Konsonanten (s, f, sch, ch) im betroffenen Hochtonbereich liegen, und diese sind für das Sprachverstehen besonders wichtig.

Die Folgen von unbehandelter Schwerhörigkeit

Das eigentliche Problem ist nicht das schlechter werdende Gehör an sich, sondern was damit einhergeht:

Soziale Isolation

Wer Gespräche nicht mehr versteht, zieht sich zurück. Familienessen, Treffen mit Freunden, Vereinsabende: all das wird anstrengend und demotivierend. Der Rückzug passiert schleichend, oft ohne dass Betroffene es selbst merken.

Kognitive Belastung

Das Gehirn muss enorm viel Energie aufwenden, um lückenhafte Hörsignale zu ergänzen. Das Ergebnis: Erschöpfung nach Gesprächen, Konzentrationsprobleme, das Gefühl, “nicht mehr mitzukommen”.

Erhöhtes Demenzrisiko

Dies ist wissenschaftlich gut belegt: Unbehandelte Schwerhörigkeit gilt laut dem Lancet Commission Report (zuletzt 2024 aktualisiert) als der grösste einzelne vermeidbare Risikofaktor für Demenz in der Lebensmitte. Die Forschung zeigt, dass Hörverlust für rund 7 Prozent aller Demenzfälle mitverantwortlich ist, mehr als Rauchen, Bluthochdruck oder körperliche Inaktivität allein. Die gute Nachricht: Wer rechtzeitig ein Hörgerät trägt, kann dieses Risiko nachweislich reduzieren.

Depression und Angst

Soziale Isolation, kognitive Überlastung und das Gefühl, “alt zu werden”, können depressive Episoden auslösen oder verstärken.

Wann sollte man handeln?

Ein Hörtest ist sinnvoll, wenn:

  • Sie regelmässig nachfragen müssen
  • Sie sich in Gruppen oder bei Hintergrundlärm schwer tun
  • Andere Sie auf Ihre Schwerhörigkeit hinweisen
  • Der Fernseher lauter gestellt werden muss
  • Sie das Gefühl haben, die Welt werde “leiser”

Die Empfehlung der meisten Fachgesellschaften: Ab 60 Jahren regelmässig einen Hörtest machen – auch ohne konkrete Beschwerden.

Was Angehörige tun können

Oft sind es die Angehörigen, die die Schwerhörigkeit zuerst bemerken. Wie können Sie helfen?

Im Gespräch

  • Langsamer und deutlicher sprechen, aber nicht lauter (das verzerrt die Sprache)
  • Dem Betroffenen ins Gesicht schauen, Lippenlesen hilft unbewusst
  • Keine langen Sätze, klare Struktur
  • Störquellen reduzieren (Fernseher aus, in ruhigen Raum gehen)

Beim Thema Hörgerät

Viele ältere Menschen sträuben sich gegen ein Hörgerät, aus Scham, Eitelkeit oder dem Glauben, “damit muss ich noch warten”. Seien Sie geduldig, aber beharrlich. Helfen Sie beim Recherchieren und beim ersten Termin.

Technische Hilfsmittel

Auch ohne Hörgerät gibt es Hilfsmittel: verstärkte Türklingeln, spezielle Telefone mit Lautstärkeregelung, Untertitel beim Fernsehen oder TV-Kopfhörer mit Verstärker.

Hörgeräte im Alter: Häufige Vorbehalte

“Ich bin doch noch nicht so alt.” Hörverlust hat nichts mit “zu alt sein” zu tun. Er betrifft Menschen ab 50 aufwärts, manchmal früher. Und das Gehirn lernt um: Je früher ein Hörgerät getragen wird, desto einfacher ist die Eingewöhnung.

“Das sieht man so hässlich.” Moderne Hörgeräte sind kaum sichtbar. RIC-Geräte sind kleiner als eine Bohne. Viele Leute bemerken sie gar nicht.

“Das bringt doch nichts mehr.” Falsch. Selbst bei starkem Hörverlust verbessert ein gut angepasstes Hörgerät die Lebensqualität massgeblich, das zeigen zahlreiche Studien.

“Das ist zu kompliziert.” Moderne Hörgeräte stellen sich automatisch auf die Umgebung ein. Viele lassen sich auch per Smartphone-App steuern, oder brauchen schlicht gar keine Bedienung.

Fazit

Altersbedingte Schwerhörigkeit ist zwar häufig, aber kein Schicksal, das man kommentarlos hinnehmen muss. Mit einem gut angepassten Hörgerät können Betroffene ein aktives, soziales Leben führen und das Risiko für schwerwiegende Folgeprobleme wie Demenz oder Depression erheblich reduzieren. Der erste Schritt ist ein kostenloser Hörtest beim Hörakustiker.

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