Im Ohr oder hinter dem Ohr? Die wichtigsten Hörgeräte-Typen im Vergleich
Welcher Hörgeräte-Typ passt zu mir? Wir vergleichen die gängigsten Modelle, erklären ihre Vor- und Nachteile und helfen Ihnen bei der Entscheidung.
Wer zum ersten Mal mit dem Gedanken spielt, ein Hörgerät zu tragen, steht vor einer verwirrenden Vielfalt. Im-Ohr-Geräte, Hinter-dem-Ohr-Geräte, Receiver-in-the-Canal: Die Fachbegriffe allein sind schon einschüchternd. Dabei ist die Wahl des richtigen Typs entscheidend dafür, ob man das Hörgerät tatsächlich gerne trägt oder es in der Schublade verstaubt.
In diesem Artikel erklären wir die wichtigsten Typen, ihre Vor- und Nachteile und welche Kriterien bei der Entscheidung eine Rolle spielen.
Übersicht: Die wichtigsten Hörgeräte-Typen
1. Hinter-dem-Ohr (HdO): Der Klassiker
Das Hinter-dem-Ohr-Gerät ist weltweit der am häufigsten verkaufte Typ. Das eigentliche Gerät sitzt hinter der Ohrmuschel und ist über einen dünnen Schlauch oder Draht mit einem Ohrstück im Gehörgang verbunden.
Vorteile:
- Sehr leistungsstark, geeignet für leichten bis hochgradigen Hörverlust
- Einfach zu bedienen und zu warten
- Batterien leicht wechselbar
- Robust und langlebig
Nachteile:
- Sichtbarer als Im-Ohr-Geräte
- Kann bei starker körperlicher Aktivität verrutschen
- Schall muss einen längeren Weg zurücklegen (bei Schlauch-Modellen)
Für wen geeignet: Für alle Altersgruppen, besonders empfohlen für ältere Personen wegen der einfachen Handhabung sowie für starken Hörverlust.
2. Receiver-in-the-Canal (RIC/RITE): Diskret und weit verbreitet
Der RIC ist heute im deutschsprachigen Raum das mit Abstand beliebteste Hörgerät. Ähnlich wie der klassische HdO sitzt das Gehäuse hinter dem Ohr. Der Unterschied: Der Lautsprecher (Receiver) befindet sich direkt im Gehörgang.
Vorteile:
- Deutlich kleiner und diskreter als klassische HdO-Geräte
- Hervorragender natürlicher Klang, da der Lautsprecher nah am Trommelfell sitzt
- Offene Bauweise verhindert das “Topf-über-dem-Kopf”-Gefühl
- Moderne Konnektivität (Bluetooth, App-Steuerung) meist integriert
Nachteile:
- Empfindlicher als klassische HdO-Geräte (Feuchtigkeit im Gehörgang)
- Receiver muss gelegentlich ausgetauscht werden
- Standardmodelle stossen bei sehr starkem Hörverlust an Grenzen
Für wen geeignet: Für die meisten Erwachsenen mit leichtem bis hochgradigem Hörverlust, der ideale Einstieg.
3. Im-Ohr (IdO): Komplett im Gehörgang
Im-Ohr-Geräte sitzen vollständig in der Ohrmuschel oder im Gehörgang. Sie sind auf Mass gefertigt und passen sich der individuellen Ohrform an.
Varianten:
- ITE (In-The-Ear): Füllt die gesamte Ohrmuschel aus
- ITC (In-The-Canal): Sitzt im äusseren Gehörgang
- CIC (Completely-in-Canal): Fast unsichtbar, tief im Gehörgang
- IIC (Invisible-in-Canal): Komplett unsichtbar
Vorteile:
- Sehr diskret bis vollständig unsichtbar
- Keine externe Komponente hinter dem Ohr
- Natürliche Ohrmuschelwirkung bleibt erhalten
Nachteile:
- Kleinere Batterien, kürzere Laufzeit
- Schwieriger zu bedienen (kleine Tasten)
- Nicht für alle Hörverluste geeignet
- Anfälliger für Ohrenschmalz-Probleme
Für wen geeignet: Für Personen mit leichtem bis mittelgradigem Hörverlust, die Wert auf Diskretion legen.
4. Knochenleitungs-Hörgeräte: Die Spezialisten
Diese Geräte übertragen den Schall nicht über den Gehörgang, sondern direkt über den Knochen zum Innenohr. Sie werden am Kopf getragen oder chirurgisch implantiert.
Für wen geeignet: Für Personen mit Schallleitungsschwerhörigkeit, einseitiger Taubheit oder wenn der Gehörgang aus medizinischen Gründen nicht nutzbar ist.
Welcher Typ passt zu mir?
Die Wahl des richtigen Hörgeräts hängt von mehreren Faktoren ab:
Grad des Hörverlusts
- Leicht bis mittelgradig: Fast alle Typen möglich
- Mittel- bis hochgradig: HdO oder RIC empfohlen
- Hochgradig bis an Taubheit grenzend: Nur leistungsstarke HdO-Geräte oder Implantate
Alter und Fingerfertigkeit
Ältere Personen oder Menschen mit eingeschränkter Feinmotorik profitieren von grösseren Geräten mit einfacher Bedienung. Winzige CIC-Geräte sind schwierig zu handhaben.
Lebensstil
- Sportlich aktiv: RIC mit Feuchtigkeitsschutz oder HdO
- Viel telefonieren: Modelle mit Bluetooth-Streaming
- Diskretion wichtig: CIC oder IIC
Ohrform und Gehörgang
Manche Gehörgänge sind zu eng oder zu gewunden für bestimmte Typen. Der Akustiker kann das beim ersten Termin beurteilen.
Was kosten die verschiedenen Typen?
In der Schweiz bewegen sich die Preise je nach Technologiestufe:
- Einstieg (einfache Technologie): CHF 300 bis 1’500 pro Gerät
- Mittelklasse: CHF 1’500 bis 2’500 pro Gerät
- Premium: CHF 2’500 bis 4’000 und mehr pro Gerät
Die Preisunterschiede zwischen den Typen (HdO vs. IdO) sind dabei oft geringer als die Unterschiede zwischen den Technologiestufen. Ein RIC mit Premium-Technologie kostet mehr als ein klassischer HdO mit Einsteiger-Technologie.
Die wichtigste Erkenntnis
Das “beste” Hörgerät gibt es nicht in einem Katalog. Es ist das, das zu Ihrem Hörverlust, Ihrer Ohrform, Ihrem Lebensstil und Ihren Prioritäten passt. Ein guter Hörakustiker nimmt sich Zeit für eine individuelle Beratung und lässt Sie verschiedene Modelle ausprobieren.
Vertrauen Sie keinem Akustiker, der Ihnen nach einem fünfminütigen Gespräch sofort ein bestimmtes Modell empfiehlt. Eine seriöse Erstberatung dauert mindestens eine Stunde.